Die automobile Version von Dantes Inferno
Ihr, die Ihr einsteigt, lasst alle Hoffnung fahren.
Dieses Auto ist die automobile Version von Dantes Inferno: eine Reise durch mehrere Kreise der Hölle, bei der man sich mit jeder gefahrenen Minute fragt, welches Vergehen man begangen haben muss, um zu dieser Strafe verurteilt worden zu sein.
Im innersten Ring wartet der Motor. Schwachbrüstig, heillos überfordert und offenbar bereits mit der Aufgabe, das Fahrzeug überhaupt in Bewegung zu setzen, an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Anfahren am Berg ist ein Glücksspiel, Überholen ein Parasuizid. Der Tritt aufs Gaspedal erzeugt vor allem akustische Aktivität und Hoffnung – Vortrieb hingegen nur in homöopathischer Dosierung. Wer einen Lkw überholen möchte, sollte vorher sein Testament aktualisieren.
Die Federung scheint bei der Konstruktion schlicht vergessen worden zu sein. Das Resultat ist ein außergewöhnlich unmittelbares Verhältnis zur Fahrbahn. Man lernt jedes Schlagloch persönlich kennen, nach wenigen Kilometern vermutlich auch namentlich. Gullideckel, Querfugen und Unebenheiten werden nicht gedämpft, sondern direkt an Wirbelsäule und Gebiss weitergeleitet.
Die Sitze unterstützen dieses Konzept konsequent. Sie scheinen für Fakire entwickelt worden zu sein und ermöglichen bereits nach wenigen Kilometern ein intensives Studium der eigenen Lendenwirbelsäule. Nach längerer Fahrt fragt man sich nicht mehr, ob der Rücken wehtut, sondern nur noch, an welcher Raststätte ein Orthopäde zu finden ist.
Auch die Klimaanlage arbeitet mit jener Entschlossenheit, mit der ein Mensch einem Waldbrand einen Handfächer entgegenhält. Man hört sie, man spürt ihre guten Absichten – einen nennenswerten Einfluss auf die Temperatur sollte man jedoch nicht erwarten.
Dafür kommuniziert das Auto unablässig. Es biept, klingelt, warnt, mahnt und beschwert sich mit der emotionalen Stabilität eines hypernervösen Rauchmelders. Teilweise ist nachvollziehbar, was es möchte, häufig nicht. Nach einiger Zeit beantwortet man jeden neuen Warnton nicht mehr mit „Was ist jetzt?“, sondern nur noch mit einem dumpfen: „Natürlich.“
Die Lenkung ist hypernervös und überempfindlich. Selbst auf gerader Straße vermittelt sie den Eindruck, das Fahrzeug müsse permanent daran erinnert werden, wohin es fahren soll. Gelassenes Dahingleiten ist nicht vorgesehen. Man lenkt nicht, man beaufsichtigt.
Die Bremsen wirken weniger wie ein technisches Verzögerungssystem als wie eine unverbindliche Empfehlung an die Geschwindigkeit, sich vielleicht irgendwann zu reduzieren. Nach dem nervenaufreibenden Beschleunigen folgt also die nächste Gelegenheit, über die eigene Endlichkeit nachzudenken.
Auch im Detail wurde konsequent darauf geachtet, den Benutzer zu irritieren. Der Verbandskasten ist per Klettverschluss in den Kofferraum geklebt – so platziert, dass bereits ein zweiter Koffer zum logistischen Strategiespiel wird. Die sogenannte Handyladeschale ist zwar vorhanden, erfüllt aber keinerlei erkennbare Funktion: Das Mobiltelefon liegt darin lediglich dekorativ herum und wartet vergeblich auf Strom.
Das „Infotainment“ bildet einen weiteren Kreis der Hölle. Der Begriff ist kühn, denn weder Information noch Entertainment gehören zu seinen Stärken. Bedienlogik, Reaktionsverhalten und Darstellung wirken, als hätten mehrere Entwickler unabhängig voneinander einzelne Funktionen programmiert, ohne sich jemals kennenzulernen.
Die Soundanlage rundet das Erlebnis ab. Musik wird nicht wiedergegeben, sondern bestraft. Selbst vertraute Stücke klingen plötzlich so, dass man lieber dem Motor zuhören möchte – und das will nach allem Gesagten etwas heißen.
Überhaupt beeindruckt an diesem Auto seine Konsequenz. Normalerweise besitzt selbst ein schlechtes Fahrzeug irgendeine versöhnliche Eigenschaft. Einen guten Sitz, einen brauchbaren Motor, eine ordentliche Federung oder wenigstens eine intuitive Bedienung. Hier sucht man danach – und findet erstaunlicherweise: nichts.
Es entsteht der seltene Eindruck eines Fahrzeugs, das nicht lediglich schlecht konstruiert wurde, sondern seine Insassen aktiv ablehnt.
Jede Strecke wird zur Auseinandersetzung, jede Steigung zur Charakterprüfung, jedes Schlagloch zur körperlichen Erfahrung und jeder Warnton zur Prüfung der Affektregulation. Vielleicht ist das die eigentliche Leistung dieses Autos: Es verwandelt selbst die Fahrt zum Supermarkt in eine Begegnung mit Kontingenz, Leid und Endlichkeit.
Dante hätte vermutlich Verständnis gehabt.
Ein Auto wie ein Fluch. Ein Fahrzeug, das nicht transportiert, sondern heimsucht.
Nie habe ich einen Mietwagen lieber zurückgegeben.








